Posted by on 19. September 2018

Welcome to Bosnia and Herzegovina!

Karin hat mir einen kleinen Schreck eingejagt, als ich sie vor ein paar Tage nach ihrem Reisepass fragte. Sie hat ihn nicht dabei. Aber eine kurze Recherche beim Auswärtigen Amt gibt schnell Entwarnung. Bosnien und Herzegowina ist zwar nicht in der EU, aber zum Grenzübertritt ist ein Personalausweis ausreichend. Das hatte ich nicht auf dem Schirm. Ohne Probleme überqueren wir somit die Grenze. In die Gegenrichtung, alle wollen ans Meer oder nach Dubrovnik, hat sich eine lange Autoschlange gebildet. Gleich nach der Grenze biegen wir ab auf die alte Zugstrecke. Es gibt eine Radweg bis nach Mostar, den CIRO. Großteils verläuft diese Radroute auf einer alten Zugstrecke. Die Zugtrasse ist schmal, aber geteert. Das Verkehrsaufkommen geht gegen Null, wir genießen flache, schnelle Kilometer. An den alten Bahnhofs Ruinen gibt es Hinweistafeln, in dem Gebäude `wohnen´ Kühe, die der Hitze der Sonne entgehen, indem sie den Schatten der Mauern aufsuchen.


Nicht alles ist geteer, in der Karte entdecke ich einen Tunnel, den lassen wir uns nicht entgehen. Am Eingang steht ein Schild: “Cross at your own risk.” Die Stirnlampen sind schnell gefunden und langsam fahren wir in die Dunkelheit, der Untergrund ist in schlechtem Zustand, es tropft von der Decke. In der Mitte des Tunnels treffen wir die Bewohner, die sich den Tunnel schon lange zu eigen gemacht haben. Fledermäuse. Wir werden umflattert und lösen ein wenig Panik bei den Tieren aus. Es hilft nichts, jetzt müssen wir durch, also weiter fahren. Wir vertrauen auf die Flugkünste dieser kleinen Säugetiere (übrigens die einzigen Säugetiere die richtig fliegen können) und erreichen das Ende ohne Probleme. Sorry for disturbing, little bats.

Die Zugstrecke schmiegt sich höhenlinienangepasst an den Bergrücken entlang, das ist zwar schön, aber äußerst unpraktisch zum Zelten. Am Ende des Tages bleibt uns nichts anderes übrig, als das Zelt direkt neben das kleine Sträßchen auf den Teer zu stellen. Außer je einem Auto abends und morgens, kommt niemand vorbei.

Trotz Hitze kommen wir gut vorwärts und treffen bei unserem Mittagessen, in einem Restaurant kurz vor Capljina, Emira und Bojan, zwei Radreisende aus Sarajevo. Wir werden die beiden wieder treffen, Bilder folgen später.

Im Fluss Neretva erfrischen wir uns einige Kilometer vor Mostar, das Wasser ist sehr kalt. Und dann kommt ein faszinierender Moment der Versäumnis. Da schwimmt doch etwas im Fluss! Was ist das? Hmm, sieht aus wie eine große Wassermelone. Echt jetzt? Ja tatsächlich, das ist eine Wassermelone. Bis wir es jedoch realisiert und begriffen haben, ist die Melone schon vorbei und mit der Strömung unerreichbar. Schade das wäre eine toller Fund gewesen. Wir waren wie versteinert.

Mostar ist berühmt für seine Brücke. Die wollen wir uns natürlich auch anschauen. Neben vielen Touristen, nicht authentischen Souvenirläden, fesseln geübte Turmspringer die Aufmerksamkeit der Leute.

Nach einem Eis und ein paar Bildern fahren wir weiter. Unser Ziel ist der Warmshowers Gastgeber Bambi, er wohnt etwa 10 km nördlich in einem Container in einem kleinen biologischen Weingarten. Da wir uns etwas überschätzt haben, müssen wir die letzten Kilometer mit Licht zurück legen. Äußerst herzlich und lustig werde wir empfangen, denn kurz vor uns sind 4 andere Radfahrer angekommen, drei Malaysier und ein Australier. Auch im Dunkeln, genauso spät wie wir. Was für ein Zufall. Des weiteren sind ein deutscher Radreisender und ein englischer Bikepacker, sowie zwei Norwegerinnen (ohne Rad, über workaway) zu Gast. Da morgen viele abreisen gibt es eine kleine Feier mit Lagerfeuer, was für ein schöner Abend.

Es ist mal wieder irre heiß, schon morgens beim zusammenpacken hält man es kaum aus. Wir biegen auf eine kleinere Straße ab, die in die Berge führt. Die Straße ist steil, mühsam quälen (aber wir genießen auch 😉 ) wir uns bergauf, literweise fließt der Schweiß. 1000 hm und wir haben es geschafft. Hier oben ist es erstaunlich kühl und es regnet sogar leicht, Gewitter ziehen umher. Wir treffen Emira und Bojan erneut und entscheiden zusammen weiter zu fahren. Nach einer Rast geht es gestärkt weiter, wir alle wollen nach Sarajevo und das nicht über die Hauptstraße. Bojan spricht zwar kein deutsch, aber auf seinem T-Shirt aus einem Second Hand Laden steht: “Wir sind hier nicht zum Spaß!” 😉

Auf einer Schotterstraße geht es bergab, das bosnische Wort für Schotter ist “Makadam” und sehr schnell wird es zu unserem Lieblingswort. Ein kurzes Stück bergauf ist nochmal asphaltiert, der breiteste Radweg Bosniens, null Verkehr.

Wir wollen noch den See (Boracko Jezero) erreichen, natürlich haben wir uns etwas verschätzt und kommen in die Dunkelheit. Aber das macht nichts, denn die Stimmung ist gut.

Es ist sehr schön mit Einheimischen zu reisen, alles ist etwas einfacher. Die beiden können mit jedem reden und verstehen alles. Mit Leichtigkeit finden wir somit auch, trotz Dunkelheit, einen schönen, günstigen Zeltplatz direkt am See. Alle sind wir sehr müde, nach einer dusche im Freien und einem gemeinsamen selbst gekochten Abendessen, verkriechen wir uns bald in unsere Zelte. Zum Aufwachen lockt der See mit klarem, kühlen Wasser.

Wir sind wieder am Neretva Fluss, eine Weile folgt die Straße dem Flusslauf. Es ist irre heiß, die Entscheidung ist klar. Baden. Erst jetzt (beim Schreiben) bemerke ich, dass es der gleiche Fluss ist, der auch durch Mostar fließt.

Nachmittags werden wir von einem heftigen Regenschauer überrascht. Wir werden zwar nass, aber im fast richtigen Moment kommt eine Einkehrmöglichkeit. Glücklich stellen wir uns unter und trinken Kaffee und Tee.

Es folgt eine 600 hm langer Anstieg nach Odzaci, ein winziger Bergort mit kleinem Laden.

Alt und neu.

Etwas weiter fahren wir noch und finden einen wunderschönen Platz zum Wildzelten, oberhalb des Dorfes Luka. Ein Lagerfeuer wärmt uns, auf 1200 m wird es abends doch recht kühl. Wir genießen die Berge, die Natur, die Freiheit.

Heute geht es über den höchsten Punkt, es ist schwül und wir schwitzen viel. Vorbei an zahlreichen Quellen windet sich die Straße auf 1600 m hinauf. Unscheinbare große Felsquader sind zu sehen, es sind Gräber aus sehr alten Zeiten.

Kurz bevor wir den Pass überqueren, holt uns das Gewitter ein, schnell sind wir klatschnass, zum Unterstellen gibt es keine Möglichkeit. Wir versuchen zu entkommen, fahren im Regen bergab. Schnell sind wir ausgekühlt, aber nach ein paar Kilometern ist es wieder trocken und wir können uns trockene Kleidung anziehen, damit wir wieder warm werden. Regen, Blitze und Donner hängen hinter uns am Pass fest.

Weiter geht es auf und ab durch tolle Landschaft, bis wir kurz vor Sarajevo das Skigebiet (Bjelasnica) passieren, welches 1984 Austragungsort der Winterolympiade war.

In Sarajevo können wir bei Emira im Apartment übernachten, wir bleiben drei Nächte. Das Stadtbild von Sarajevo ist geprägt durch hässliche Hochhäuser. Die Spuren des Bosnienkrieges (1992-1995) sind durch Einschusslöcher in Gebäuden nicht zu übersehen. Auf der anderen Seite bietet Sarajevo ein tolle Altstadt.

Bojan zeigt uns die Stadt und erzählt uns viel über Sarajevo. Außerdem hilft er uns Karins Fahrrad bei einem guten Fahrradgeschäft reparieren zu lassen. Das Vorderrad hatte Spiel, es bekommt neue Konen und wird richtig zentriert. Durch eine neue Kassette (32 Zähne) und Kette bekommt Karin zwei weitere Berggänge, was bei den vielen, teils steilen Anstiegen sehr wichtig ist. Dabei improvisiert der Mechaniker geschickt, indem er die 9-fach Kassette durch das Weglassen des kleinsten Ritzels in eine 8-fach Kassette verwandelt, da es sonst aus Platzgründen am Freilauf nicht funktioniert hätte.

Repariert, ausreichend erholt und gestärkt nehmen wir die nächste Etappe zurück zum Meer in Angriff, denn im Anschluss wollen wir die kroatischen Inseln Korcula und Hvar besuchen. Etwas weiter nördlich als der Hinweg planen wir eine Route durchs Gebirge mit vermutlich wilden Straßen.

In einem Gebiet sehen wir immer wieder riesige Öfen, aus manchen qualmt es. Wir überlegen was das sein könnte? Also wir ganz nahe an einigen vorbeifahren, schauen wir einfach mal nach. Hier wird Holzkohle hergestellt!

Abends kommen wir zu einem Straßenschild: “Road under construction.” Kurz danach beginnt auch schon der Makadam (Schotter). Von einer Baustelle ist keine Spur, die Straße (R 437) wurde einfach nie gebaut. In unserer Karte ist sie als Hauptstraße eingezeichnet. Gerade im richtigen Moment entscheiden wir uns zu zelten, denn wie wir abends feststellen, hätten wir  300 Meter zuvor von der brauchbaren Schotterstraße in einen üblen, steilen Waldweg abbiegen müssen. Laut unserer Karte ist dieser unscheinbare Weg die Hauptstraße. Somit sind wir abends erstmal froh, dass wir nicht noch weiter der falschen Schotterstraße gefolgt sind. Bei einem neuen, großen Haus, eine Art Wasserwerk, können wir unser Zelt gut aufstellen. Der kalte Fluss eignet sich hervorragend zum Waschen.

Am nächsten Morgen wagen wir uns auf den wilden Weg, er ist sehr verwildert, zugewachsen und steil. Den ersten Kilometer schieben wir bergauf. Große Steine und Auswaschungen erinnern eher an ein Flussbett. Glücklicherweise wird es danach wieder besser und bis auf die steilsten Stellen lässt es sich sogar fahren. Dank GPS finden wir auch den richtigen Weg. Nach 250 Höhenmetern sind wir oben und überrascht von authentischen Straßenschildern mitten im Wald. Wir sind also tatsächlich auf der “Hauptstraße” zwischen Fojnica und Ostrozac, die es aber nicht so offiziell gibt. Wir sind in diesen Stunden, an diesem Tag, die einzigen “Benutzer” dieses Weges. Es war zwar anstrengend, aber schön war es trotzdem umso mehr.

Bei Ostrozac überqueren wir den Jablanicko Jezero, einen Stausee, der durch das aufstauen des Neretva Flusses entstanden ist. Bereits zum dritten Mal kreuzt die Neretva nun unseren Weg.

Danach müssen wir auf die Hauptstraße für 8 km, inklusive zwei kleiner Tunnel, aber es ist nicht so viel Verkehr und geht besser als ich befürchtet hatte. Schnell sind wir in Jablanica und folgen danach dem Flusstal bergauf in westlicher Richtung. Ein kleiner Weg endet an einem schönen kleinen versteckten Gärtchen und wir erlauben uns für eine Nacht Untermieter zu sein.

Der Anstieg zum Pass auf 1200 m folgt am nächsten Tag. Die letzten Kilometer sind, wie so oft, geschottert. Hallo Makadam. Das häufigste Auto in Bosnien ist definitiv der alte VW Golf, dieses Auto sieht man hier immer und überall. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es ein VW Werk in Sarajevo gab. Ebenso sieht man viele alte VW Busse.

Danach haben wir uns eine Belohnung verdient. Das erste Getränk der Speisekarte bestellen wir lieber nicht. “Pipi”, letztendlich haben wir es leider nie probiert, aber angeblich ist es eine Limonade aus Dalmatien in Kroatien. Stattdessen bekommen wir Palatschinken und Eiskaffee.

Auf einer Art Hochebene passieren wir den Blidinje Jezero, der zu unsere Enttäuschung nicht zum Baden einlädt, das Ufer ist zu flach und das Wasser trüb. Es folgt ein zweiter kleiner Pass mit einer Höhe von 1400 m über dem Meer.

Die Geschichte des verrücktesten Einkaufs in einer Bäckerei. Es ist keine gewöhnliche Bäckerei kurz hinter Poklecani, es gibt keine Verkaufstheke, wir stehen direkt in der Backstube und fragen nach Brot. Es riecht lecker und ja, es gibt Bort. Auf Blechen liegen die frischen heißen Laibe, die extrem groß aussehen. Ohne zu sehr zu übertreiben, ein Brot hat einen Umfang, wie wenn man seine Arme zu einem Kreis formt. Auf die Frage, ob wir ein halbes Brot haben können, bekommen wir ein Nein. Ich frage wie viel Kilo ein Laib wiegt: 2-3 kg oder mehr. Das ist zu viel. Enttäuscht gehen wir wieder. Schade.

Aber dann entscheiden wir uns um und kaufen es doch. Es ist wirklich sehr schwer und anhand des Preises kann ich mir ausrechnen wie viel es ist, denn normalerweise kostet ein Brot in Bosnien 1 oder 2 Mark (0,50-1€). Hier habe ich gerade 7 Mark bezahlt. Insgesamt essen wir drei Tage daran! Abends beim Zelten fehlt bereits fast ein Viertel.

Bereits recht nah an der Grenze zu Kroatien suchen wir für unsere Mittagspause einen Fluss auf, im Schatten entgehen wir der 35°C Hitze während der Mittagszeit und können uns im eiskalten Wasser abkühlen. Auch Einheimische sind an dieser Badestelle und bieten uns an mit dem Kajak zu fahren.

Bevor wir die Grenze zurück nach Kroatien überqueren, kommen wir wenige Kilometer später noch bei einem kleinen Wasserfall vorbei.

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